Bedingungslos lieben bedeutet nicht, bedürfnislos zu lieben. Aber eine Liebe ohne Bedingungen kommt ohne die Erwartung aus, dass der Mensch, den ich liebe, zu sein hat, wie ich ihn (oder sie) haben will. Sondern dass ich ihn liebe, wie er ist, und dass ich Veränderungen da sehe, wo noch keine Veränderungen sind, wenn der Mensch, den ich liebe, diese Veränderungen doch aufgrund seiner selbst bedarf. Aber dabei geht es nicht um mich, nicht darum, dass sich der Mensch, den ich liebe, in etwas umgestaltet, was ich haben will. Das ist nicht bedingungslos, sondern eine an Bedingungen geknüpfte Liebe.

Ich selbst bin nicht gut im Lieben, das fängt schon bei dem Mögen an, muss ich zugeben. In meinem Leben wurde so viel zerstört, was mir wichtig war, woran ich geglaubt habe, und all diese Verletzungen haben dazu geführt, dass ich nur selten in der Lage bin, andere Menschen überhaupt zu mögen. Natürlich finde ich Menschen nett, und so manche auch sympathisch. Aber mögen? Da komme ich auf nicht viele Menschen, vielleicht auch deshalb, weil mögen für mich bedeutet, einen Menschen bedingungslos gern zu haben, egal was er tut, egal wie er sein Leben lebt, egal ob er erwidert, dass ich ihn mag.

Und lieben? Naja, es gibt einen Menschen, der ist auf dem Weg dahin, dass ich ihn liebe. Ich mag diesen Menschen längst sehr, auch wenn ich es mir lange nicht eingestehen wollte. Aber mehr und mehr fange ich an zu verstehen, dass ich irgendwo zwischen der Schwelle von mögen und lieben stehe – und das bedingungslos. Ich habe so etwas noch nie erlebt, Gefühle dieser Art waren mir bislang fremd, zu viele Wunden wurden schon viel zu früh in meinem Leben in meinem Herzen geschlagen, dass ich selbst viele Jahre lang ein emotionales Wrack war. Dies ist zum Glück nicht mehr so, aber es sind Narben geblieben, die ich wohl mein Leben lang in meinem Herzen tragen werde, und die es mir schwer machen, mehr als nur wenige in mein Herz zu lassen.

Aber es hat mir auch gezeigt, dass Gott die Herzen von Menschen verändern kann. Ein zerbrochenes Herz kann heilen, zumindest soweit, dass es lieben kann. Ein kaputtes Herz kann wieder eins werden in sich und ein Mensch, dessen Leben zerstört schien, kann ein neues Leben finden. Vielleicht klingt dies für manche nur nach banalen Worten. Aber das ist es, was ich erlebt habe.

„Das bedeutet aber, wer mit Christus lebt, wird ein neuer Mensch. Er ist nicht mehr derselbe, denn sein altes Leben ist vorbei. Ein neues Leben hat begonnen!“ heißt es im 2. Korintherbrief in Vers 17 im 5. Kapitel. Als ich diesen Spruch zu meiner Taufe bekam, da war ich um die 19 Jahre alt, hatte ich gehofft, Gott würde mit dem Finger schnipsen und es wäre alles neu. Das ist damals nicht passiert, die Veränderungen gingen langsam vonstatten und ich musste viele neue Wunden erleben, um heute der Mensch sein zu können, der ich bin. Ein Mensch, der bedingungslos mag, wen er mag, ein Mensch, der eines Tages den Weg von der Schwelle zwischen Mögen und Liebe gehen wird hin zur bedingungslosen Liebe.

Noch bin ich in diesem Veränderungsprozess, und inzwischen weiß ich, er wird mein Leben lang andauern. Und heute bin ich froh, dass Gott damals nicht einfach mit dem Finger geschnipst hat, sondern mich meine oft auch sehr falschen Wege hat gehen lassen. Ich habe mir oftmals die Finger verbrannt, und habe viele Täler durchschritten. Aber mehr und mehr habe ich dabei inzwischen verstanden, wie bedingungslos Gottes Liebe zu mir und zu uns allen ist. Er will nicht, dass wir uns verbiegen, dass wir anders werden wollen, weil wir denken, auf eine bestimmte Art und Weise jemand oder etwas zu sein. Er wünscht sich nur, dass wir Seine Liebe annehmen. Seine Liebe, die Er uns ohne jede Bedingungen schenkt, wenn wir bereit sind sie anzunehmen.