Wenn ich mir die letzten Jahre meines Lebens ansehe, erkenne ich vor allem eins: das Leben in der Einöde, in der Wüste. Ich habe vieles nicht begreifen können. Meine Gemeinde hat sich gespalten, weder in dem einen Teil noch in dem anderen konnte ich ein neues Zuhause finden. Danach war ich auf mich allein gestellt, haderte mit Gott, dem Leben, den Menschen und fühlte mich von Jahr zu Jahr mehr ausgetrocknet und leer.

In mir war immer das Bewusstsein: ich hatte Gott mein Leben vollständig ausgeliefert, ich war in den Dienst berufen, die Zeichen, die Worte, alles war so klar gewesen vor vielen vielen Jahren. Doch ich kehrte mich weg, und dann, als ich endlich dienen wollte, verlor ich mein geistliches Zuhause. Für mich war das damals wie ein Schlag ins Gesicht. Gott hatte zuvor durch sein Wort, durch Weissagungen, durch Gesichte gesprochen, die eindeutiger nicht sein konnten. Dann aber war alles aus. Und ich war alleine, lag am Boden, fiel in eine schwere Depression und wollte nicht mehr.

Nach und nach fand ich wieder aus dem tiefen Tal, schaffte es, beruflich meinen Kindertraum wahrzumachen, und dennoch blieb sie immer in mir, die Berufung, die ich mit 18 Jahren unter einem Kreuz in einem Gottesdienstraum in der Stadt erhalten hatte, in der ich aufgewachsen war.

Lange schon lebe ich nicht mehr dort, bin von da noch dort, von dort nach woanders, und wieder woanders hingegangen. Fühlte mich getrieben und je länger ich unterwegs war, desto weniger Ruhe fand ich in mir. Ich arbeitete, viel und hart, hatte kaum Zeit für mich und ein Leben, das über die Arbeit hinausging. Dennoch drängte sich die Frage immer lauter auf: Gott, was ist nun mit meiner Berufung? Ich habe dir mein Leben geweiht, dir mich hingegeben, und nun bin ich hier, ackere mich ab, in einem Job, den ich zwar liebe, aber der mich nicht ausfüllt. Weil er mein Lebensinhalt ist, aber Gott das ist, was ich an erster Stelle sehen möchte. Für den ich leben möchte, wie ich es ihm vor 28 Jahren versprochen habe, an dem Altar, unter dem Kreuz.

Aber seit Jahren lebe ich in der Wüste. Abgetrennt von einem Leben im Dienst, weit weg von meiner räumlichen Heimat, verschollen in der Verbannung. Ich habe Gott oft nicht verstanden, wieso er alles zuließ, wie es kam. Die Wunden brennen immer noch schwer, die ich anderen zufügte, und die mir zugefügt wurden. Dabei wollte ich nur eines im Leben, ihm dienen, ihn als Mittelpunkt meines Lebens sehen und nicht von seiner Seite weichen.

Heute, ja heute habe ich verstanden, wieso Gott mich in die Wüste geschickt hat. Nach all den Jahren ging mir ein Licht auf, und ich frage mich, wieso ich eigentlich nicht früher draufgekommen bin. Jesus trat nach seiner Taufe nicht direkt in den Dienst ein. Zuerst wurde er, der Sohn Gottes, durch die Wüste geführt und musste dem Teufel und zahlreichen Versuchungen widerstehen. Als er alles überstanden hatte, begann sein Dienst und er lehrte in den Synagogen von Galiläa und ging danach nach Nazareth, den Ort, wo er aufgewachsen war.

Jesus wurde in der Zeit der Wüste zubereitet. Ich wurde in der Zeit meiner persönlichen Wüste zubereitet, zurechtgestutzt, mein Ego wurde gebrochen, ich verbrachte viel Zeit in einer schmerzlichen Einsamkeit. Ich lernte viel in der Zeit und je länger die Wüste andauerte, desto erwachsener wurde ich, und auch dankbarer, für jedes Lächeln und jede Hilfsbereitschaft, die mir Menschen entgegenbrachten. Meine Wüstenjahre haben mich zum Menschen gemacht, der ein Herz hat und der andere Menschen liebt, um ihrer selbst willen, nicht um dessen willen, was sie für ihn tun.

Heute ist ein guter Tag, den die Wüste hat bald ihr Ende genommen. Noch bin ich nicht an dem Ort, den Gott für mich vorgesehen hat. Aber auch hier weiß ich, dass er alles schon vorbereitet hat für den Tag, an dem die Verbannung ihr Ende finden wird.

Und eines habe ich gelernt: Gott schickt uns, jeden von uns, in seine ganz persönlichen Wüsten. Die einen dauern Tage, bei andern dauert es Wochen oder gar Monate – und bei manchen, so Starrköpfen wie mir, dauert es Jahre, bis wir begreifen, dass Gott uns nicht aufgegeben hat, sondern dass die Wüste der letzte Schritt ist, bevor er uns endlich ganz in seinen Dienst nehmen kann. Weil berufen hat er uns längst, jeden einzelnen von uns, doch jede und jeder von uns hat einen Punkt, oder mehrere wie ich, an denen Gott arbeiten muss. Und das kann schon mal recht lange dauern. Aber irgendwann, eines Tages, sehen wir das Ende der Wüste, der Ausgang ist deutlich und es leuchtet das Licht der Liebe Gottes heller als jemals zuvor in unserem Leben.

„Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kehrte vom Jordan zurück und wurde durch den Geist in der Wüste vierzig Tage umhergeführt.“ Lk. 4,1

„Und Jesus kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück, und die Kunde von ihm ging hinaus durch die ganze Umgegend. Und er lehrte in ihren Synagogen, geehrt von allen.
Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen worden war; und er ging nach seiner Gewohnheit am Sabbattag in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen.“ Lk. 4, 14-16

(Bibel-Übersetzung: Elberfelder Bibel)