„Und machen nur Pläne, damit da Pläne sind“ singt Lotte in ihrem neuesten Song „Mehr davon“. Den Song habe ich vor einigen Wochen schon gehört und für ein anderes Projekt auch darüber geschrieben. Doch so richtig fiel dieser Satz erst heute in mein Herz. Warum gerade heute? Weil der richtige, der passende, der wichtigste Tag dafür ist. Es gibt keinen Zufall, zumindest glaube ich nicht mehr an Zufall seit ich 14 Jahre alt bin. Deshalb hat alles irgendeinen Grund. Bei mir waren es die Zweifel, die Verzweiflung, die Fragen nach meinem Was und Wohin, die mich seit geraumer Zeit bestürmt und nach einer Antwort gerufen, ja irgendwie geschrieen haben. Doch erstmal hin zum Anfang der Geschichte, die heute damit endet, dass ich keinen Plan mehr habe.

Es gab immer nur einen Plan A

Mein Start ins Leben war nicht gerade der Beste. Doch mit 12 Jahren setzte ich mir den Plan für mein Leben in meinen Kopf: Ich wollte Schriftstellerin werden und vom Schreiben leben. Das war mein absoluter Plan A für mein Leben. Auf dem Weg dahin stand ich mir sehr oft selbst im Weg und machte viele Umwege, unnötige, aber auch durchaus nötige, wie ich später feststellte.

Nach all den vielen Umegen und Verwirrungen und Irrungen und richtigen und falschen Pfaden habe ich mein Ziel dann erreicht. Zwar anders, als ich es mit 12 Jahren und noch viele Jahre lang im Sinn hatte, aber mein Plan A, vom Schreiben leben zu wollen, ging eines Tages auf. Und es ging jahrelang auf. Mein Plan hatte zu einem Ziel geführt und ich machte neue Pläne innerhalb dieses großen Plans. So manches davon ging auf.

Bis eine Krankheit meinem Plan im Weg stand…

Meine Diagnose hatte ich schon vor vielen Jahren erhalten, ein paar Tage vor meinem 30. Geburtstag. Doch irgendwann fing mein Körper an, nicht den Regeln der Medizin zu folgen und meine Krankheit begann einen atypischen Verlauf. Seitdem bin ich mehrmals ganz knapp an der Schippe vorbei gesprungen, die der Sensenmann mir hingehalten hat. Einige Jahre konnte ich meine schlimmer werdende Krankheit noch halbwegs kompensieren und beruflich trotzdem so weitermachen wie gehabt. Doch irgendwann wurde es immer schlimmer und meine Beweglichkeit wurde eingeschränkt. Zum Teil so stark, dass ich meinen Arm nicht mehr bewegen konnte. Und Schreiben mit nur einem Arm, das kann ich nicht.

Es begann ein Prozess, der über einige Jahre verlief, bis letztes Jahr dann das medizinische Gutachten stand: Die Einschränkungen sind von Dauer, voll arbeiten ist nicht mehr möglich. Möglicherweise nie mehr. Was ich schon geahnt hatte durch meine zahlreichen Schübe, wurde dann Gewissheit: Ich war so schwer krank, dass ich das Leben, wie ich es bis dahin geführt hatte, nicht mehr führen konnte. Keine vollen Arbeitstage mehr, kein Stress mehr, kein Zeitdruck – und das als Freiberuflerin. Für mich zerbrach etwas, in mir zerbrach etwas. Mein Plan fürs Leben, mein Plan A, er war zunichte gemacht.

Ohne Pläne bin ich nichts

Nach außen hin fing ich mich recht schnell. Ein Bekannter sagte mir, nachdem ich ihm von dem Gutachten erzählte, ich bliebe erstaunlich ruhig dabei. Doch in mir sah es anders aus. Meine Welt war zerbrochen, meine Träume zu Staub zerfallen. Alles in meinem Leben hatte mit diesem Plan A zu tun. Mein ganzes Sein war darauf ausgerichtet, zu Schreiben, mein Denken, mein Fühlen.

Ich machte neue Pläne. Kleinere. Größere. Doch immer wieder zerfielen diese, oft innerhalb eines Moments, in dem ein neuer Schub begann und ich genau wusste, was mich erwartete. Die Pläne erstickten mich irgendwann. Oder eher das Pläne machen müssen, zwanghaft machen zu wollen, erstickte mich. Und doch hatte ich das Gefühl, ohne Pläne nichts zu sein.

Dann kam Corona. Und ich wurde so sehr ins Jetzt befördert, dass gar nichts mehr an Pläne machen ging. Denn was sollte ich für ein Jahr im Voraus planen, wenn ich nicht mal wusste, ob ich dann überhaupt nach X fahren oder mich mit Y treffen oder Z machen konnte. Trotzdem machte ich Pläne, und Plan für Plan wurde mir klarer, dass ich mich an diesen Plänen festhielt, festhalten wollte, um nicht ganz zu verzweifeln. Seit Wochen fühlte ich mich innerlich immer mehr, als sei ich am Ersticken, wegen Plänen, die sowieso wahrscheinlich niemals mehr wahr werden können. In den letzten Tagen wurde mir dann bewusst, dass ich mir endlich eingestehen muss, dass mein altes Leben vorbei ist und schon vor Corona für mich eine neue Normalität begonnen hat. Ich musste mir eingestehen, dass vieles vorbei ist und vieles, was ich mir erträumt und was ich geplant hatte, einfach nicht mehr stattfinden wird, stattfinden kann, weil mein Körper Nein dazu sagt. Das hat mich tief runtergezogen, in eine Dunkelheit, weil was bin ich ohne das, was ich machen konnte, machen wollte, wer bin ich ohne einen Plan für meine Zukunft?

Als ich vorhin den Song von Lotte hörte und die Lyrics tief in mich hineinfallen ließ, wurde mir plötzlich klar, dass ich keinen Plan mehr haben will. Ich mache, machte immer wieder neue Pläne, nur damit ich einen Plan für mein Leben habe. Mir wurde klar, ich brauche keinen Plan mehr. Ich kann fallen lassen, was ich plante, was ich dachte, planen zu müssen, was ich plante, um zu planen.

Ich habe keinen Plan mehr

„Aber was ist ein Leben, wenn man es nicht lebt
Und was zählen die Jahre, wenn man sie nur zählt
Hey, siehst du die Lichter, hörst du die Musik?
Was ein Wunder, dass es uns hier heute gibt“

heißt es weiter in Lottes Lied „Mehr davon“. Ich habe keinen Plan mehr. Und ich spüre dabei, dass die Unsicherheit sich auflöst. Luftblasen alter Träume, die längst vergangen sind, zerplatzen gleichzeitig. Es ist wie ein mich tasten durch eine neue Welt. Was ich brauche ich schon außer Musik und den Sternen? Was brauche ich Anderes zu sehen und zu wissen als nur den nächsten einzelnen kleinen (oder manchmal vielleicht auch großen) Schritt?

Und genau um das Wissen um den nächsten Schritt, nur um den nächsten Schritt, habe ich heute gebetet, bevor ich über das Video zu Lottes Song, das ich noch nicht kannte, gestolpert bin. Und auch das Gebet war ein Stolpern oder eher ein darüber-Stolpern. Ich bin heute im Blog von Gabi Becker darüber gestolpert, auf dem ich gestern zum ersten Mal gelandet bin und es hat irgendwie gepasst. Ein Zusammenfolge von Ereignissen, die aussehen wie Zufälle, aber nahtlos ineinander passen. (Der Schweizer C.G. Jung, Begründer der Analytischen Psychologie, hat dies einst als „Synchronizität“ bezeichnet).

Und jetzt? Habe ich keinen Plan mehr. Und es fühlt sich richtig an. Frei. Vielleicht ist es das, was in der Bibel als der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bezeichnet wird. Nach all den vielen Monaten des Zweifelns, des Verzweifelns, des mich immer wieder Aufraffens und neue Pläne machen, kann ich jetzt loslassen. Ich brauche nicht mehr als das Jetzt, denn nur das kann ich in den Händen halten, als andere zerrinnt zu Staub und wird Vergangenheit. Das Morgen, ich muss es nicht mehr kennen, ich muss nicht mehr einem vermeintlichen Plan folgen, von dem ich denke, er sei der Beste für mich und von Gott so gewollt.

In den letzten Jahren, Nein eigentlich mein Leben lang, haben mir Menschen immer wieder in mein Leben hereingeredet. In der letzten Zeit, vor allem in den letzten Wochen, besonders in den letzten Tagen, habe ich gemerkt, wie sehr ich unter diesem ganzen Anspruchsdenken ersticke. Unter dem anderer, aber auch unter dem Anspruchsdenken an mich. Ich muss doch gar nicht sein außer einfach ich selbst. Den nächsten Schritt machen, so wie es eben gerade in mein Leben passt. In den Tag leben, in gewisser Weise, mit dem Wissen, dass unsere Pläne sowieso manchmal einfach nichts Anderes sind als Pläne, damit Pläne gemacht sind. Und mit der Klarheit, die nicht nur der (atypische) Verlauf meiner Krankheit, sondern auch die Corona-Pandemie so deutlich gezeigt hat: Dass jeder unserer Pläne manchmal einfach vom Leben überrollt und zunichte gemacht werden. Auch die guten Pläne. Auch die Pläne, die es wert wären, dafür zu kämpfen. Aber letztlich ist nichts da außer dem einen: das Jetzt.

Und das Jetzt planlos annehmen zu können, das ist in der Tat ein wahres Geschenk. Der Geruch von Freiheit. Einem neuen Lebensabenteuer. Raum für Musik. Für scheinbar zufällige Begegnungen, ungeplant und doch vom Schicksal geführt. Raum für mich in einer anderen Lebensdimension als bisher. Freiheit. Und nicht mehr als den nächsten Schritt sehen müssen, sehen können, sehen wollen. Ich bin bereit.

Und um den Text nicht nur mit Lotte zu beginnen, sondern auch mit Lotte zu enden: „Auf das, was da noch kommt“. Ich weiß nicht, was werden wird. Ich weiß nur, dass ich das, was ich noch habe an Möglichkeiten, in dieses Leben werfen mag, ungestüm, wie ich meistens war. Dass ich das, was ich noch kann und was ich noch habe, verschenken mag an den Augenblick, wie auch immer dieser aussehen mag. Leben im Jetzt. Ohne Plan. Auf das, was da noch kommt!

„Es geht grad erst los, ich will so viel noch sehen
Will gegen die Wand fahren und wieder aufstehen
Will der größte Optimist sein, wenn’s tagelang nur regnet
Will Stunden verschwenden und nicht so viel planen
Mich in Träumen verlieren und von vorne anfangen“