Christ sein und Homosexualität (k)ein Widerspruch?

Ich bin Christin. Mit 18 Jahren habe ich zu Gott gefunden, so manche Hoch und Tiefs in meinem Glaubensleben erlebt, die auch mit meiner „Orientierung“ zu tun habe. Seit ich 15 bin, weiß ich, dass ich Frauen liebe. Das habe ich mir nicht ausgesucht, das war nicht meine Wahl, das ist einfach so. Als ich mit 18 Gottes Liebe zu mir erkannte, begann ich in einen Zwiespalt zu fallen. Für viele Christen ist Homosexualität eine Sünde, für so manchen so ist sie sogar eine Strafe Gottes. Deshalb habe ich ein Doppelleben gelebt, das mich innerlich immer mehr zerrissen – und irgendwann auch von Gott weggetrieben hat.

Doch wem Jesus einmal begegnet ist, den lässt er nicht mehr los. Mich hat er aus einer todbringenden Alkoholsucht gerettet, kurz vor dem Ende, ich war schon auf der Schussfahrt in den Tod, der Sensenmann stand schon in der Ecke meines Zimmers und wartete auf mich. Daran habe ich all die Jahre festgehalten, auch wenn ich immer wieder eine vor den Bug bekommen habe von anderen Christen. Dies sage ich inzwischen ohne Zorn, manche wussten es nicht besser, andere haben willkürlich gehandelt.

Solange keine/r wusste, dass ich lesbisch bin, war alles gut. Dann war ich die Christel mit einem großen Glauben an einen wunderbaren liebenden Gott, der seinen Sohn für uns alle ans Kreuz gegeben hat. Sobald ich jedoch sagte, ich bin homosexuell, ging das Spießrutenlaufen los, mehr als woanders wurde ich aufgrund meiner nicht selbst gewählten Orientierung diskriminiert.

Für mich brach dadurch mehr als einmal die Welt zusammen, auch die Welt meines Glaubens. Ich verstand nicht, wieso ich auf der einen Seite respektiert werde, solange ich nicht wirklich was über mich preisgebe und solange ich mein Leben im Verborgenen halte – und auf der anderen Seite verfolgt und gehasst werde, wenn ich sage und zeige, wer ich wirklich bin.

Seit ein paar Jahren habe ich wieder zu Gott gefunden. In meiner letzten Gemeinde waren die Meinungen zu meiner Homosexualität zwiespältig, dennoch wurde ich zumindest in Maßen respektiert und durfte in der Gemeinde mitarbeiten und meine Gaben einbringen. Dass es sie nicht mehr gibt, meine Gemeinde, tut mir heute immer noch weh, weil es ein Anfang neuer Möglichkeiten gewesen wäre, um den Glauben an einen wunderbaren großen Gott zu den Menschen zu bringen, die von anderen Christen verachtet werden: den Schwulen und Lesben, die in Kirchen und Gemeinden oft ins Abseits gedrängt und / oder zu einem Doppelleben gedrängt werden.

Ich wünsche mir Liebe für jeden, der zu Gott findet, egal wo er herkommt, egal wie seine Hautfarbe ist, egal ob er homo, hetero oder bi ist. Und egal, was er bisher in seinem Leben getan hat, Gott hat uns durch Jesus alles reinwaschen am Kreuz.

Inzwischen weiß ich, dass Gott mich so liebt, wie ich bin. Mit meinen Talenten, mit meinen Fehlern, mit meinen vielen Fragen, die ich immer wieder an meinen himmlischen Papa stelle. Und auch mit meiner Homosexualität. Ich wünsche mir offene Türen in den Gemeinden und Kirchen für jedermann, auch für die Menschen, die draußen auf der Straße leben und ihr Leben und ihr Heim verloren haben.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns aufmachen, wir lesbische, bisexuelle und schwule Christinnen und Christen, uns nicht mehr in ein krankmachendes Doppelleben treiben lassen, sondern sagen und zeigen, wer wir sind. Das Versteckspiel mag die Gemeinde und die Kirche und den Pastor und den Pfarrer erfreuen, weil er ja keine Homos in seinen Reihen sitzen hat. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus. Wir sind viele, und wenn wir Gottes Liebe weitergeben, wie sie gedacht ist, werden wir noch viel mehr sein.

5 Kommentare

  1. Genau meine Meinung – perfekt geschrieben! Danke.

    • Danke für Deinen Kommentar, Sandra. Ich bin dankbar, dass immer mehr Menschen verstehen, dass Christ sein und schwul oder lesbisch sein kein Widerspruch ist. Ich hoffe, dass Gott noch viele Herzen öffnet, damit wir einen Platz in Gemeinden finden, in denen wir zuhause sein können. Ich wünsche Dir von Herzen Alles Gute und Gottes Segen. P.S.: Meine Antwort kommt zwar spät. Aber es war nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. 😉

      • Ich werde im Juni meine Freundin heiraten , der Pastor meiner Mutter hat gesagt : ..ich würde in die Hölle kommen und meine Mutter auch …
        Er hat keine Ahnung was er in meiner Mutter angerichtet hat…

        • Christel

          12. März 2018 um 14:21

          Das tut mir so leid für euch. Das ist so schlimm. Ich bete für Dich und Deine Freundin, und für Deine Mutter, dass Gott die Verletzungen, die daraus entstanden sind, heilen wird. Und für den Pastor, dass Gott sein Herz anrührt. Das tut mir so weh im Herzen, das zu lesen. Das ist das, was passiert, wenn die Bibel als Gesetzbuch verstanden wird. Ich bin wohlgemerkt eine bibeltreue Christin, doch die Bibel bedarf auch einer Auslegung. Und Jesus hat Homosexualität mit keinem einzigen Wort erwähnt. Und Sein Wort ist es, das für mich die Leitschnur ist. Und wenn Deine Mutter an Jesus als ihren Herrn glaubt, dann wird sie in den Himmel kommen. Egal, was welcher Pastor auch sagen mag. Ich habe so viel Schmerz und Verletzungen und Diskriminierungen in Gemeinden erlebt, nur weil ich lesbisch bin. Das hat mich immer wieder von Gott weggetrieben. Bis Er mir gezeigt hat, dass Er mich genauso liebt, wie ich bin. Denen, die mich so tief verletzt haben, habe ich vergeben. Sie wussten es einfach nicht besser. Ich hoffe, ihr könnt dem Pastor eines Tages vergeben. Und wer weiß, für was das alles gut ist. Gott hat manchmal die seltsamsten Wege für uns Menschen. Wir erleben Dinge, die wir nicht einordnen können, und Verletzungen reißen uns das Herz. Aber früher oder später schafft Gottes etwas Gutes daraus. Das habe ich vor allem in den letzten Jahren immer wieder erleben dürfen. Und hätte ich das damals nicht so schlimm erlebt, würde ich heute vielleicht gar nicht wissen, wie groß Gottes Liebe zu mir ist. Ich wünsche Dir und Deiner zukünftigen Frau alles Gutes, und von Herzen Gottes Segen für eure Ehe. Und Deiner Mutter wünsche ich, dass Gott sie in dieser schweren Zeit berührt. Gottes Gedanken über uns sind anders, als wir sie manchmal haben. Und auch anders als die der Menschen, die über andere urteilen, weil sie es einfach nicht besser wissen.

  2. Liebe Christel, Danke für deinen Blog.
    Gott liebt seine Menschen, jeden Einzelnen ausnahmslos. Keiner von uns sollte sich ein Urteil über Andere erlauben, egal auf welcher Seite er steht, in welche Schublade er gesteckt wurde, welche Talente oder Besonderheiten ihn auszeichnen oder auch nicht.
    Menschen sollten Menschen achten und wenn Menschen Menschen lieben ist das ein kleines Abbild der Liebe Gottes.
    Daran glaube ich zutiefst.
    Ich bin überzeugt, es gibt inzwischen sehr viele, die so denken. Wir werden mehr sein, irgendwann. Es gibt Grund zur Hoffnung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.