Das leere Blatt

Für viele von uns gibt es Zeiten, in denen wir uns wünschten, wir könnten alles Vergangene ungeschehen machen, das Leben noch einmal von vorne leben, falsche Entscheidungen nicht mehr treffen und von vorne zu beginnen. Es ist die Sehnsucht des Menschen nach dem „leeren Blatt“, nach dem Leben, in dem alles noch einmal beginnen kann, in dem alte Fehler die Gegenwart nicht mehr beschweren, in dem alter Streit und falsche Wege das Leben jetzt nicht mehr belasten.

Doch wir sind zugleich nicht in der Lage, die Dinge, die Wege, die Entscheidungen, rückgängig zu machen und viele von uns zerfrisst das regelrecht. Wir werden frustriert, wir werden bitter, unser Herz wird hart, und die falschen Entscheidungen werden weiter gefällt und die falschen Wege werden weiter beschritten. Die Möglichkeit eines anderen Weges scheint es dann nicht mehr zu geben, der Mensch wird sterben, eines Tages, am Ende eines falschen Lebens mit einem viel zu harten Herzen.

Doch mitten hinein in ein solches Leben spricht Gott, dass sich ein Mensch ändern und das Blatt des Lebens neu geschrieben werden kann. Im 2. Korintherbrief in Kapital 5 steht mit Vers 17 ein Wort, das uns alle aufhorchen lässt: „Gehört jemand zu Christus, dann ist er ein neuer Mensch. Was vorher war, ist vergangen, etwas Neues hat begonnen.“ (Hoffnung für alle).

Wir selbst sind nicht in der Lage, unser Leben mit der Rückkehr an den Ausgangspunkt noch einmal von vorne zu beginnen. Wir verzweifeln oft daran, und werden dann bitter und frustriert, weil es nicht zu funktionieren scheint. Denn zu diesem wichtigen Satz gehört noch ein zweiter, der in Vers 21 steht: „Denn Gott hat Christus, der ohne jede Sünde war, mit all unserer Schuld beladen und verurteilt, damit wir freigesprochen sind und Menschen werden, die Gott gefallen.“

Wir können zu einem neuen Menschen werden, in dem Moment, in dem wir Jesus in unser Leben aufnehmen. Für viele bedeutet dies zugleich, dass sie dann „perfekt“ sind und Gott ihren ganzen Charakter und ihre ganzen Umstände auf einen Schlag ändert. Dies ist nicht der Fall, dies habe ich in mitunter schmerzhaften Lektionen gelernt. Aber, und das ist ein großes ABER, in dem Moment, in dem ich Jesus meine Schuld bekannte und Ihn bat, in mein Leben zu kommen, hat Gott ein Werk begonnen, an dem Er auch heute noch arbeitet. Und ich habe gemerkt, wenn auch viele meiner Wege falsch waren, und ich über meine eigenen, nicht mit Gott getroffenen Entscheidungen gestolpert bin und auf dem Weg war, eine frustrierte „Christin“ fern von Gott zu werden, dass Gott von mir und von niemandem anderen ein perfektes Leben erwartet. Wir sind keine perfekten Christen, und werden es in dieser Welt auch nicht werden. Aber Gott wünscht sich, dass wir zu den Menschen werden, die Ihm gefallen. Die auf Seine Stimme hören, die auch wenn sie Fehler begehen, diese zu Ihm bringen, die in der kalten und unbarmherzigen Welt ein Licht sind durch unsere Wärme und unsere Barmherzigkeit. Und dazu hat Gott den „Grundstein“ gelegt in dem Moment, in dem wir Jesus unser Leben geben.

Danach fängt die eigentliche Arbeit an, die damit beginnt, dass wir den Wunsch nach Veränderung unserer eigenen Persönlichkeit, unseres eigenen Charakters spüren und dass wir verstehen, dass wir nicht aus eigener Kraft rumkrebsen müssen, um ein „toller Christ“ zu werden, sondern dass wir Gott bitten dürfen, uns die Kraft zu geben, denen zu vergeben, die uns verletzt haben, denen Liebe zu geben, die wir nicht lieben können, nicht wegzusehen, wenn Leid um uns herum geschieht. Nach und nach werden wir dann spüren, wie Gott uns verändert, wie Gott unsere Sichtweise verändert.

Und ja, es passiert tatsächlich etwas. Ich hatte einst ein Herz aus Stein, ich habe nicht mehr viel gefühlt, es war mir egal, was mit anderen Menschen passiert und was aus ihnen wird. In jener Zeit habe ich viele entsetzliche Fehler gemacht. Heute weine ich oft, über das Leid in dieser Welt, um die Menschen, die ich einst kannte und die nicht mehr leben, und denen niemand von Jesus erzählt hat. Manchmal erkenne ich mich dabei nicht wieder, und bin Gott dann dankbar, dass Er, mit vielen vielen Umwegen, die ich selbst gegangen bin, einen Menschen aus mir gemacht hat, der ein Herz hat. Heute möchte ich nicht mehr, dass mein Leben ein leeres Blatt ist, auf dem ich noch einmal anfangen kann zu schreiben. Heute schaue ich zurück und sehe Gott in so vielen Geschehnissen wirken, auch wenn ich es damals nicht so sah, ich sehe mein Leben an und begreife, dass ich mit dem, was ich heute weiß, mein Leben weitergehen kann, die kommenden Jahre (und hoffentlich Jahrzehnte) das Papier meines Lebens anders beschreiben kann, mit schönen Geschichten, mit schöneren Worten, mit besseren Entscheidungen und mit einem fühlenden Herz, dass Gott ganz gehört.

2 Kommentare

  1. Petra Zimmermann

    21. April 2017 um 21:46

    Danke Christel für Deine lebendigen, offenen Berichte, die zu lesen nicht nur hilfreich ist und im Glauben bestärkt, sondern wegen Deines flotten Schreibstils richtig Spaß macht, auch wenn es um ernste Dinge geht. Du hast zu vielen Themen geschrieben, die für mich als 54jährige Neu-Christin, gute Gedanken geben zu genau den Fragen, die mich beschäftigen. Mich hat erst eine schwere Krankheit wachgerüttelt und vor 1,5 Jahren zum Glauben geführt. Das große Nachdenken, veränderte Sichtweisen und unter den Teppich gekehrte Altlasten, Begeisterung, Zweifel – ein buntes Programm, welches ich durchlaufe. Deine Texte sind auf meiner Suche eine schöne Bereicherung.
    Alles Gute für Dich unter Gottes reichem Segen

    • Liebe Petra! Von Herzen vielen Dank für Deinen Kommentar! Genau deswegen schreibe ich, und genau dafür habe ich Gott mein Leben verschrieben. Möge Gott Deinen Weg segnen, und Dir immer aufs Neue zeigen, wie sehr Er Dich liebt. Und selbst wenn Wüstenzeiten kommen, Gott ist mit Dir!

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